Konzept

Der Titel des Symposiums Signal != Rauschen (lies: Signal ungleich Rauschen) scheint zuvorderst einen Gemeinplatz auszudrücken. Sicherlich ist doch das Signal vom Rauschen, also der Störung, klar zu unterscheiden. Quantifizierungen und das Erkennen von Mustern und Abweichungen haben längst unseren Alltag durchdrungen. Durchsucht werden Massen von täglich produzierten Daten, denn individuelles Rauschen, wie Kreditkartenabrechnung, Browserverlauf und Bildschirmauflösung sind doch Signal für jene Algorithmen, welche kontinuierlich versuchen unser Verhalten zu kategorisieren. Maschinen sind von Werkzeugen zu ständigen Begleitern avanciert, denen wir Persönlichstes offenbaren.

Gleichzeitig erleichtert die globale Vernetzung den Fluss von Daten, Gütern, Geldern und Wissen. Sie erzeugt einen kontinuierlichen Informationsstrom. Dabei manifestieren sich die bestehenden Machtverhältnisse zwischen dem globalem Norden und dem globalen Süden – zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen arm und reich – in den logistischen Verläufen der Datenflüsse, den Unterseekabeln und den Ballungsräumen und Knotenpunkten des Datenaustausches. Obwohl wir diesen Raum auf öffentlichen Plätzen, in virtuellen Shoppingmalls und düsteren Seitenstrassen bevölkern, sind die Inhalte dieser Datenströme nicht transparent, so dass wir sie oftmals nur als entferntes Rauschen wahrnehmen.

Für uns als User dieser neuen Technologien sind sie unhinterfragter Teil des Lebens und individuellen Handelns. Unreflektiert bleiben dabei meist ihre vormals beabsichtigten Funktionsweisen. Wir operieren oft nur an und mit Oberflächen. Die Machtmechanismen, welche den agierenden Algorithmen eigeschrieben sind, bleiben dabei unsichtbar. Software, Konzepte und Algorithmen, die in Universitäten und militärischen Labors entwickelt werden, bestimmen unsere Nutzung des Internets, erwarten und trainieren unser Verhalten, formen unsere Kommunikation und strukturieren soziale Räume.

Hinsichtlich dieser gesellschaftlichen Entwicklungen entstehen neue Formen und Arbeitsmethoden, die sich an den Schnittstellen von Kunst, Technologie, Wissenschaft und Journalismus bewegen und diese transzendieren. Auf einer Karte des allgemeinen Rauschens kann dies als Navigation verstanden werden, als Suche nach der Synthese eines Signals, als Positionierung; sowohl im geographischen, als auch im politischen Sinn. Signal != Rauschen will untersuchen, wie und wo diese Positionierung stattfindet.

Wie verhält es sich mit Themenfeldern mit denen Maschinen vordergündig nichts zu tun haben: zum Beispiel das bewusste Sein, Krankheit, Tod, Hoffnung, Leid oder Schmerz? Werden diese Themen, indem sie mithilfe automatisierter oder digitaler Mittel behandelt werden, gleichermassen verwertet, entmenschlicht, ja entzaubert, oder gilt es, neue Ausdrucksweisen und Ikonografien menschlicher Emotionen im virtuellen Raum sichtbar zu machen?

Letztendlich stellt sich die Frage, welche Erkenntnisräume durch die maschinelle Verwertung geöffnet und geschlossen werden und ob die Idee des humansozialen Eignem, dem eine fremde Technologie gegenübersteht, nicht als obsolet betrachtet werden muss.

Um diesen Fragen nachzugehen und sich besser vom alltäglichen Rauschen zu isolieren, werden die 35 TeilnehmerInnen von Signal != Rauschen vier Tage in Libken verbringen und gemeinsam diskutieren. Ein Programm von Vorträgen durch Künstler, die an den Schnittstellen von Kunst, Wissenschaft und Gesellschaftspolitik tätig sind, soll helfen, verschiedene Perspektiven und Arbeitsprozesse zu eruieren, sowie eigene Positionen weiter zu entwickeln. Als Zeichen vergangener Utopie in geografischer Isolation soll der DDR-Plattenbau Libken in der Uckermark als Ort dienen, Ideen zu kondensieren, mit anderen in den Dialog zu treten und neue Inspirationen zu finden. Während des gesamten Symposiums möchten wir den Teilnehmenden Raum geben, ihre eigene Arbeit zu reflektieren und sich untereinander und mit den Vortragenden über die Themen auszutauschen.

Jeden Abend finden Konzerte statt, die sich parallel den Themen des Symposiums annähern. Zu dieser abendlichen Veranstaltungsreihe sind nicht nur die TeilnehmerInnen des Symposiums, sondern auch alle AnwohnerInnen eingeladen.